Mittwoch, 3. Juni 2020

L´ iguana dalla lingua di fuoco (1971)

Dies ist ein Film über Entfremdung. Entfremdung einerseits im subjektiven, privaten, intimen Bereich, und andererseits objektiv im Rahmen gesellschaftlicher Zusammenhänge, soziologisch, politisch, moralisch. Ihr korrespondiert innerhalb des Genres (Giallo), dem der Film sich scheinbar unterwirft, eine permanente Wahrnehmungsstörung, der sowohl die Figuren als auch die Zuschauer unterliegen, die in fast jeder Szene an der Nase herumgeführt werden. Wer sich nicht täuschen läßt, d. h. nicht der Illusion erliegt, daß es sich hier um einen Kriminalfilm handle, bekommt den Schlüssel in die Hand, beim unbedingt notwendigen zweiten und dritten Sehen die hier angerissene Thematik auszumessen. Riccardo Freda, der in der Anfangsszene direkt an A doppia faccia (1969) anschließt, geht hier noch einige Schritte weiter, insofern das Krimigerüst, das in besagtem Film intakt blieb, in L´ iguana in sich zusammenfällt. Niemand kann die lächerliche, unlogische Auflösung ernst nehmen. Indem der Film seinen Krimiplot ad absurdum führt, zwingt er den Zuschauer, diesen als untergeordneten Teil des Entfremdungsdiskurses zu begreifen, der, wie in A doppia faccia, selbstverständlich die cineastische Illusion und Sensation miteinschließt.

Die eigentliche Handlung des Films ist die unmögliche Liebesgeschichte zwischen dem "proletarischen" Inspektor Norton (Luigi Pistilli) und Helen (Dagmar Lassander), der Stieftochter des Botschafters Sobiesky (Anton Diffring). Die Figur des Sobiesky, die offenbar keinen Vornamen besitzt, symbolisiert in ihrer Unnahbarkeit die allumfassende Entfremdung. Sobiesky? Der Name des polnischen Entsatzers Wiens bei der Zweiten Türkenbelagerung Ende des 17. Jahrhunderts zeigt die paneuropäische Austauschbarkeit an, die im Film als supranationale Beliebigkeit die gesellschaftliche Seite der Entfremdung betont. Wir erfahren nie, der Botschafter wessen Landes Sobiesky ist. (Daß er Schweizer sei, wie in vielen Kritiken und Texten zum Film zu lesen ist, ist ein Trugschluß. Er verbringt offenbar viel Zeit in der Schweiz, aber auch das symbolisiert die nationale Indifferenz dieses Privilegierten.) Das Schild am Botschaftsgebäude ist so abgedunkelt, daß nur die Endung "tan" sichtbar ist. Entsprechend zeigt das fragmentarische Schild "Dublin Phar(macy)" ganz zu Beginn des Vorspanns die Thematik der inneren und äußeren Entfremdung an, für die es keine Arznei gibt.

Die sukzessive Entfernung der beiden Teile des potentiellen Liebespaars voneinander wird insbesondere durch Farbsymbolik dargestellt. Die in Weiß gewickelte tote junge Frau (eine Holländerin), die am Anfang im Kofferraum des Autos des Botschafters gefunden wird, ist die Braut, die Helen für Norton nie sein wird. Die versammelte Botschaftsbelegschaft im strömenden Regen vor dem Wagen können wir als verhinderte Hochzeitsgesellschaft betrachten. Ihre Parallele hat die Szene in der Sequenz, in der Norton im "Red Tower", der Helen gehört, die blumengeschmückte Leiche von Walter (Sergio Doria) findet – sich selbst als unmöglichen Bräutigam. Wenn Helen zuletzt ganz in Schwarz und mit den Insignien ihres Vaters zum Zeichen der Trauer um die gestorbene Liebe in Nortons Wohnung die Tür zu einem Raum öffnet, den wir nicht sehen, so sucht sie den unmöglichen Ort erfüllten Zusammenseins mit einem Mann. Weitere Aspekte der Farbsymbolik: Grün für die Hoffnung des Kennenlernens, Gelb für die Glut der Leidenschaft, Rot für den gesamten Prozeß des Scheiterns, Blau für den Abgrund der Entfernung, Braun für Todesnähe.

In der Mitte des Films, als die Hoffnung auf Liebe in Mißtrauen und Aversion umzuschlagen beginnt, hilft die drogensüchtige Madame Sobiesky (Valentina Cortese), mit ihrer Verbitterung und unerfüllten Sehnsucht das weibliche Pendant ihres Mannes, der Interpretation mit fast übertriebener Deutlichkeit auf die Sprünge: "Behind this facade you´re lookig at there is the most terrible, unbelievable emptiness – between me and my children, between me and my husband. It´s what I suppose they call nowadays uncommunicability, that´s uncommunicability!... Ah, formidable, formidable!"

Formidabel ist der Film im Durchleuchten der Aspekte der Entfremdung. Ihre interpersonale Ebene wird durch Dupli- und Multiplizität, Verhüllung und Verkleidung zum Ausdruck gebracht. Alle weiblichen Personen sind, wie in A doppia faccia (natürlich trägt Helen, die Heißbegehrte, den Namen ihrer Filmschwester), letztlich eine einzige Frau, die unmögliche Braut. (Daher auch das Motiv der Entstellung.) Sich verhüllend nimmt Helen die Rolle ihrer Mutter ein und das Schicksal des Liebesverlustes an. "Walter", der tote Bräutigam, das waltende Alter, wird, so können wir vermuten, die Oberhand gewinnen.

Abgerundet wird der Diskurs der Entfremdung durch eine komplexe Ortsymbolik. Diesbezüglich sei hier nur hervorgehoben, daß die weite grüne irische Landschaft nicht für das Absolute steht, sondern sich zum Abgrund verengt, in den Helen schließlich wortwörtlich fällt, als die Brücke zur erfüllten Liebe, d. h. zu Norton, hochgezogen wird. Die Landschaft ist Teil der Endlichkeit.

Was bleibt den Figuren in dieser entfremdeten Welt ohne Liebe? Zwei Dinge. Einerseits die kurz währende Befriedigung der Sexualität. Helen praktiziert die neuerdings erfolgte sexuelle Befreiung mit einer Nonchalance, die sie zum reinen Selbstzweck reduziert. Auch kindliche Unschuld wird vom Film negiert: Ist es doch der junge Richard, der die Leichenbraut findet, und Nortons Tochter, die sich die ganze Zeit wie eine 12jährige gebärdet und präsentiert, erweist sich schließlich als geschlechtsreif und dem Voyeurismus des Zuschauers überantwortet. Der titelgebende Iguana mit der Feuerzunge steht nicht nur für die sich camouflierende, im Grunde anonyme Begierde, sondern ist auch ein Bild für den Oberflächenreiz des Films selbst, die Schauwerte und Sensationen des Kinos.

Und noch etwas bleibt, wie ganz zum Schluß deutlich wird, als Norton und Lawrence (Arthur O´Sullivan), die beiden Gesetzeshüter, über Sobieskys Ungreifbarkeit sinnieren. Die auch im Pubgespräch mit dem Chauffeur (Renato Romano) zumindest angedeutete Solidarität derjenigen, die der Dekadenz aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung entsagen müssen. Denn der Film ist auch eine Reflexion über soziologische Schranken und Grenzen – einer der Aspekte, den diese fragmentarischen Ausführungen nur andeuten konnten.


Maria X